EEG-Novelle: Wuppertal Institut warnt vor einseitigem Fokus auf Freiflächen-PV

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12.05.2026 Hauptartikel
Kristina  Pfeil Kristina Pfeil Journalistin
EEG-Novelle: Wuppertal Institut warnt vor einseitigem Fokus auf Freiflächen-PV

Die Bundesregierung plant nach aktuellem Entwurfsstand, den künftigen Photovoltaik-Zubau stärker in Richtung Freiflächenanlagen zu lenken. Der am 21. April 2026 in die Ressortabstimmung gegebene EEG-Entwurf sieht laut Wuppertal Institut deutliche Verschlechterungen für Gebäude-Solaranlagen vor, insbesondere für kleine Dachanlagen auf Einfamilienhäusern, aber auch für größere Systeme auf Gewerbe- und anderen Gebäuden.

Der ökonomische Kern der Reform ist nachvollziehbar: Solarparks produzieren Strom in der Regel günstiger als kleinteilige Dachanlagen. Nach Berechnungen des Wuppertal Instituts könnten die jährlichen Stromsystemkosten bei einem stärkeren Fokus auf Freiflächen-Photovoltaik im Jahr 2035 um 0,9 Prozent beziehungsweise rund 1,5 Milliarden Euro sinken; für 2045 nennen die Forscher eine Entlastung von 1,5 Prozent beziehungsweise 2,8 Milliarden Euro. Bezogen auf einen angenommenen Stromverbrauch von rund 1.000 Terawattstunden im Jahr 2045 entspräche das einer Größenordnung von etwa 0,3 Cent je Kilowattstunde.

Mehr Freifläche, mehr Druck

Dem stehen aus Sicht des Instituts erhebliche Umsetzungsrisiken gegenüber. Wenn der Ausbau von Dachanlagen durch neue gesetzliche Vorgaben gebremst wird, müsste der Zubau von Solarparks deutlich schneller wachsen als bisher geplant. Das Wuppertal Institut hält dafür eine installierte Freiflächenleistung von rund 130 Gigawatt bis 2032 und etwa 240 Gigawatt bis 2040 für erforderlich.

Ob ein solcher Ausbau unter realen Flächen-, Genehmigungs- und Akzeptanzbedingungen gelingt, ist aus Sicht der Forscher offen. Bereits heute stoßen größere Solarparks regional auf Widerstand, hinzu kommt die Konkurrenz um Flächen, vor allem in landwirtschaftlich geprägten Regionen. Zwar können Agri-PV, Biodiversitätskonzepte oder Anlagen entlang von Verkehrswegen Konflikte entschärfen, sie lösen den grundsätzlichen Flächenkonflikt aber nicht.

Kleinanlagen und Gewerbedächer

Ein zentraler Kritikpunkt betrifft kleinere Anlagen bis 25 Kilowatt. Für sie soll nach dem Entwurf die gesetzliche Vergütung für eingespeisten Strom entfallen; wer Überschüsse vergütet bekommen will, müsste stärker auf Direktvermarktung setzen. Das Wuppertal Institut warnt, dass dies im Kleinanlagensegment wegen geringer Strommengen, höherer Vermarktungskosten und des schleppenden Smart-Meter-Rollouts auf absehbare Zeit schwer praktikabel sein dürfte.

Auch größere Dachanlagen könnten unter Druck geraten. Nach Angaben des Instituts soll es künftig keine höhere Vergütung mehr für Volleinspeiseanlagen geben; zudem ist ein einheitlicher Fördersatz vorgesehen. Gerade auf Gewerbedächern, Lagerhallen oder öffentlichen Gebäuden, auf denen der Eigenverbrauch oft begrenzt ist, könnte das Projekte unwirtschaftlicher machen oder ihre Größe reduzieren. Damit würde ausgerechnet ein Segment geschwächt, das bislang einen wichtigen Teil des PV-Zubaus getragen hat.

Folgen für Elektrifizierung und Akzeptanz

Für den Klimaschutz hätte das Folgen über den Stromsektor hinaus. Dachanlagen sind häufig Teil eines dezentralen Elektrifizierungspakets aus Photovoltaik, Speicher, Wärmepumpe, Ladepunkt und E-Mobilität. Günstiger Eigenstrom verbessert die Wirtschaftlichkeit dieser Investitionen; wird der Ausbau auf Gebäuden gebremst, könnte auch die Elektrifizierung von Wärme und Verkehr langsamer vorankommen.

Hinzu kommt die Akzeptanzfrage. Gebäude-Solaranlagen sind für viele Haushalte, Unternehmen und Kommunen direkt erfahrbar und genießen hohe Zustimmung. Eine stärkere Verschiebung hin zu großen Freiflächenprojekten könnte dagegen regionale Konflikte verschärfen und die gesellschaftliche Unterstützung für den Ausbau schwächen.

Ausbauziel bleibt ambitioniert

Das Thema ist auch deshalb relevant, weil Deutschland seine Photovoltaikleistung weiter stark steigern muss. Nach Angaben der Bundesnetzagentur waren Ende 2025 rund 117 Gigawatt Solarleistung installiert; um das gesetzliche Ausbauziel von 215 Gigawatt bis 2030 zu erreichen, wäre künftig ein deutlich höherer jährlicher Zubau erforderlich. Das Wuppertal Institut verweist darauf, dass der jährliche Photovoltaik-Zubau in den vergangenen beiden Jahren bereits bei 17 bis 18 Gigawatt lag und in den kommenden Jahren eher auf rund 20 Gigawatt steigen müsste, um den Klimapfad abzusichern.

Das Wuppertal Institut stellt den Ausbau von Solarparks nicht grundsätzlich infrage. Freiflächen-Photovoltaik bleibt ein zentraler Baustein für ein kostengünstiges Stromsystem. Entscheidend sei aber die Balance: Der Gebäudesektor dürfe nicht durch schlechtere Bedingungen abrupt ausgebremst werden.

Was jetzt nötig wäre

Eine Option wäre aus Sicht der Forscher, die verpflichtende Direktvermarktung für Anlagen bis 25 Kilowatt erst für später errichtete Anlagen, etwa ab 2030, einzuführen. Die Zwischenzeit könnte genutzt werden, um massengeschäftstaugliche Vermarktungsangebote, digitale Messinfrastruktur und regulatorische Prozesse so weiterzuentwickeln, dass kleine Anlagen realistisch teilnehmen können.

Auch der Bundesverband Solarwirtschaft fordert Nachbesserungen. Er warnt, dass die Pläne privaten Haushalten und mittelständischen Unternehmen den Zugang zu günstigem Solarstrom vom eigenen Dach erschweren und damit auch Handwerk und regionale Wertschöpfung treffen könnten. Laut der vom Verband zitierten YouGov-Umfrage unterstützen nur neun Prozent der Befragten Kürzungen bei der Solarförderung.

Die Debatte um die EEG-Novelle zeigt damit einen zentralen Punkt der nächsten Energiewendephase: Nicht jede kurzfristige Kostensenkung ist automatisch systemisch sinnvoll. Wenn moderate Einsparungen mit höheren Realisierungsrisiken, geringerer Akzeptanz und einem langsameren Hochlauf von Wärmepumpen und Elektromobilität erkauft werden, kann der gesamtwirtschaftliche Effekt ins Gegenteil kippen. Aus Sicht des Wuppertal Instituts sollte die Reform deshalb stärker auf einen ausgewogenen Ausbaupfad setzen, statt den Gebäudesektor als tragende Säule der Photovoltaik zu schwächen.