IRENA: Rund-um-die-Uhr-Erneuerbare unterbieten fossile Kraftwerke bei den Stromkosten

Zurück
27.05.2026 News
Sebastian Wittag Sebastian Wittag Journalist
IRENA: Rund-um-die-Uhr-Erneuerbare unterbieten fossile Kraftwerke bei den Stromkosten
© Nicholas Doherty | Unsplash

Die wirtschaftliche Grundlage fossiler Grundlastkraftwerke gerät zunehmend ins Wanken. Ein neuer Bericht der International Renewable Energy Agency (IRENA) zeigt: Kombinationen aus Solar- und Windenergie mit Batteriespeichern können in immer mehr Regionen bereit heute eine verlässliche Stromversorgung rund um die Uhr gewährleisten – und das zu geringeren Kosten als neue fossile Kraftwerke.

Im Zentrum steht die Studie „24/7 Renewables: The Economics of Firm Solar and Wind“. Sie analysiert erstmals systematisch die Kosten von erneuerbaren Energiesystemen, die nicht nur Strom erzeugen, sondern ihn jederzeit bedarfsgerecht bereitstellen. Das Ergebnis ist eindeutig: In vielen Märkten sind erneuerbare Energien inzwischen nicht nur die günstigste Option für die Stromproduktion, sondern auch für eine kontinuierliche Versorgung.

Firm Cost statt isolierter Stromgestehungskosten

Traditionell basiert die Bewertung von Energieprojekten auf den Stromgestehungskosten (Levelized Cost of Electricity, LCOE). Diese Kennzahl bildet Durchschnittskosten über die Lebensdauer ab, berücksichtigt jedoch nicht, ob Strom zum benötigten Zeitpunkt verfügbar ist.

IRENA nutzt daher den „Firm Cost“-Ansatz, der Erzeugung, Speicherung und Flexibilität integriert betrachtet. Bewertet wird also ein Gesamtsystem, das Versorgungssicherheit gewährleistet.

Die Ergebnisse zeigen eine klare Verschiebung: In sonnenreichen Regionen liegen die Kosten für Solarenergie in Kombination mit Batteriespeichern bereits bei 54 bis 82 US-Dollar pro Megawattstunde. Neue Kohlekraftwerke in China erreichen etwa 70 bis 85 US-Dollar, neue Gaskraftwerke liegen in vielen Märkten bei über 100 US-Dollar pro Megawattstunde.

Damit verliert ein zentrales Argument für fossile Kraftwerke an Gewicht: die Annahme, dass nur konventionelle Erzeugung Versorgungssicherheit wirtschaftlich gewährleisten kann.

Hybridlösungen als Kostentreiber

Besonders wettbewerbsfähig sind hybride Systeme aus Solar, Wind und Batteriespeichern. Der Grund liegt in den komplementären Erzeugungsprofilen: Photovoltaik liefert vor allem tagsüber, Windenergie häufig in den Abend- und Nachtstunden.

Diese Kombination reduziert den Bedarf an Speichern und senkt damit die Gesamtkosten deutlich.

IRENA erwartet, dass die Kosten solcher Systeme bis 2030 weiter sinken werden. Für Märkte wie Deutschland, China, Australien oder Brasilien prognostiziert die Studie Kosten von 49 bis 75 US-Dollar pro Megawattstunde für gesicherte erneuerbare Stromversorgung.

Für viele Energieökonomen markiert diese Entwicklung einen Wendepunkt: Erneuerbare Technologien erreichen zunehmend die Fähigkeit, Versorgungssicherheit zu geringeren Kosten als fossile Kraftwerke bereitzustellen.

Zuverlässigkeitsargument verliert an Bedeutung

„Das langjährige Argument, erneuerbare Energien seien nicht zuverlässig genug, hält einer Überprüfung nicht mehr stand“, erklärte IRENA-Generaldirektor Francesco La Camera.

Moderne Kombinationen aus Wind, Solar und Speichern könnten heute sowohl Versorgungssicherheit als auch Wettbewerbsfähigkeit gewährleisten – und zudem schneller realisiert werden als neue fossile Kraftwerkskapazitäten.

Diese Geschwindigkeit gewinnt angesichts steigender Stromnachfrage an Bedeutung. Elektromobilität, Wärmepumpen, Digitalisierung und der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft treiben den Bedarf deutlich stärker als noch vor wenigen Jahren erwartet. Damit verschiebt sich die zentrale Frage: Nicht mehr nur, welche Technologie Strom produziert, sondern welche neue Kapazitäten schnell und skalierbar bereitstellen kann.

Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist die drastische Kostensenkung bei Batteriespeichern. Seit 2010 sind die Preise laut IRENA um rund 93 Prozent gefallen. Gleichzeitig profitieren Solar- und Windkraft von technologischen Fortschritten, steigenden Wirkungsgraden und globalen Skaleneffekten. Insbesondere der Ausbau von Produktionskapazitäten in Asien hat die Investitionskosten erheblich gesenkt.

Die Dynamik zeigt sich auch im Ausbau: 2024 wurden weltweit 582 Gigawatt neue erneuerbare Kapazitäten installiert – ein Plus von rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Noch deutlicher ist die Kostenseite: 91 Prozent der neu errichteten Anlagen produzierten Strom günstiger als die jeweils billigste fossile Alternative. Insgesamt konnten dadurch fossile Brennstoffkosten von rund 467 Milliarden US-Dollar vermieden werden.

Industrie im Fokus: Bedarf an 24/7-Strom

Für energieintensive Industrien gewinnt die Verfügbarkeit von CO₂-armem Strom rund um die Uhr strategische Bedeutung. Unternehmen stehen unter wachsendem Druck, Emissionen zu reduzieren und gleichzeitig Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Besonders betroffen sind Rechenzentren, Elektrolyseure für grünen Wasserstoff, Chemieanlagen sowie Halbleiter- und Batterieproduktionen. Entsprechend steigt die Nachfrage nach langfristigen Stromlieferverträgen, die eine kontinuierliche Versorgung aus erneuerbaren Quellen absichern.

Technologiekonzerne wie Microsoft, Google und Amazon verfolgen bereits das Ziel einer stündlich bilanzierten Versorgung mit erneuerbaren Energien und treiben entsprechende Marktmodelle voran.

Auch die von den Vereinten Nationen unterstützte Initiative „24/7 Carbon-Free Energy Compact“ gewinnt an Bedeutung. Sie zielt darauf ab, den Fokus von jährlichen Grünstrombilanzen auf eine tatsächlich durchgängige CO₂-freie Stromversorgung zu verlagern.

Netze und Flexibilität als Engpass

Trotz der positiven Kostenentwicklung bleiben strukturelle Herausforderungen. Der wirtschaftliche Vorteil erneuerbarer Energien lässt sich nur realisieren, wenn Netze, Speicher und Flexibilitätsoptionen parallel ausgebaut werden.

In Europa gelten insbesondere Genehmigungsverfahren und Netzengpässe als zentrale Bremsfaktoren. Studien zeigen zunehmend: Nicht die Stromerzeugung, sondern deren Integration wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor der Energiewende.

Neben Batteriespeichern gewinnen dabei Lastmanagement, intelligente Netze, Wasserstoffspeicher und sektorübergreifende Flexibilitätslösungen an Bedeutung.

Neue Grundlage für die Kraftwerksdebatte

Die Veröffentlichung der IRENA-Studie fällt in eine Phase intensiver energiepolitischer Debatten in Europa. In Deutschland, Italien und Polen wird aktuell über den zukünftigen Kraftwerkspark diskutiert, häufig mit Fokus auf neue Gaskraftwerke zur Sicherung von Versorgung und Netzstabilität.

Die neuen Daten legen jedoch nahe, dass sich die ökonomischen Rahmenbedingungen schneller verändern als viele Strategien bislang berücksichtigen.

Erneuerbare Energien entwickeln sich damit von der günstigsten Stromquelle zunehmend zur kostengünstigsten Option für gesicherte Stromversorgung. Die zentrale Frage verschiebt sich entsprechend: nicht mehr, ob erneuerbare Energien zuverlässig genug sind, sondern wie schnell Netze, Speicher und Marktmechanismen an diese neue Realität angepasst werden können.
 

Quelle: IRENA