Rekord bei Abregelungen: Wie Deutschland das Curtailment-Problem in den Griff bekommen kann

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12.02.2026 Hauptartikel
Sebastian Wittag Sebastian Wittag Journalist
Rekord bei Abregelungen: Wie Deutschland das Curtailment-Problem in den Griff bekommen kann

Mehr als sechs Terawattstunden erneuerbarer Strom mussten zuletzt pro Jahr abgeregelt werden – genug, um mehrere Millionen Haushalte rechnerisch zu versorgen. Die Kosten für Redispatch- und Netzengpassmaßnahmen summieren sich inzwischen auf Milliardenbeträge jährlich. Gleichzeitig steigt der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix kontinuierlich und überschreitet in einzelnen Monaten deutlich die Marke von 60 Prozent. Der Befund ist eindeutig: Der Ausbau schreitet voran, das System dahinter gerät unter Druck.

Netze: Der strukturelle Engpass

Ein Großteil der Abregelungen entfällt auf Windenergie in Norddeutschland. Der Strom kann häufig nicht in die industriellen Verbrauchszentren im Süden transportiert werden. Zwar befinden sich zentrale Gleichstromtrassen im Bau, doch selbst beschleunigte Genehmigungsverfahren können die Lücke kurzfristig nicht schließen. Netzausbau bleibt Voraussetzung, aber er ist kein Allheilmittel.

Marktmechanismen: Preis ohne Signalwirkung

Deutschland operiert weiterhin als einheitliche Strompreiszone. Netzengpässe schlagen sich damit nicht unmittelbar in regional unterschiedlichen Preisen nieder. Ökonomen plädieren für zonale oder nodale Preismodelle, um Investitionen systemdienlicher zu lenken. Gegner warnen vor Marktfragmentierung und politischer Sprengkraft. Die Frage ist weniger technisch als ordnungspolitisch.

Speicher: Flexibilität mit Systemfrage

Der Boom bei Großbatterien zeigt, dass Investoren an die Wirtschaftlichkeit flexibler Assets glauben. Speicher können lokale Überschüsse aufnehmen und kurzfristige Engpässe entschärfen. Doch sie entstehen derzeit primär dort, wo Handelsstrategien attraktiv sind. Ob sie gezielt an Engpassknoten gebaut werden, ist offen. Hinzu kommen regulatorische Fragen – etwa Netzentgelte oder Abgaben – die eine netzdienliche Ausrichtung bislang nicht konsequent fördern.

Nachfrageflexibilität: Der unterschätzte Hebel

Industrieprozesse, Elektrolyseure, Ladeinfrastruktur oder Wärmepumpen könnten Last gezielt in Zeiten hoher Einspeisung verschieben. Technisch ist das vielfach möglich, wirtschaftlich oft noch nicht ausreichend incentiviert. Dynamische Tarife, Flexibilitätsmärkte oder angepasste Netzentgeltsysteme gelten als potenzielle Beschleuniger.

Welche Lösungswege realistisch sind

Ein isolierter Ansatz wird das Curtailment-Problem kaum lösen. Vielmehr zeichnet sich ein Bündel möglicher Strategien ab:

Erstens: Beschleunigter Netzausbau kombiniert mit digitaler Netzführung. Intelligente Engpassprognosen und Echtzeit-Datenintegration könnten Redispatch-Maßnahmen präziser und kosteneffizienter machen.

Zweitens: Marktreformen mit stärkeren regionalen Preissignalen. Ob durch Gebotszonen-Splitting oder differenzierte Netzentgelte – Investitionen müssten systemisch gelenkt werden.

Drittens: Strategische Speicherintegration. Denkbar wären gezielte Ausschreibungen für netzdienliche Speicherstandorte oder regulatorische Klarstellungen zur Vermeidung von Doppelbelastungen.

Viertens: Ausbau der Nachfrageflexibilität. Industrie und neue Großverbraucher könnten über marktbasierte Instrumente systematisch eingebunden werden.

Fünftens: Bessere Synchronisierung von Erzeugungs- und Netzplanung. Netzorientierte Ausschreibungsdesigns oder regionale Ausbaukorridore könnten künftige Engpässe präventiv reduzieren.

Curtailment ist damit weniger ein Zeichen technischer Überforderung als ein Koordinationsproblem der Transformation. Die Energiewende produziert inzwischen genug Strom – nun muss das System lernen, ihn effizient zu verteilen, zu speichern und zu nutzen.