Vergabe im Blindflug: Warum BESS Gefahr läuft, die Probleme der PV zu duplizieren
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Die EU hat Ende 2025 die Marke von 406 Gigawatt installierter Photovoltaikleistung überschritten und damit das 400-Gigawatt-Ziel der EU Solar Strategy erreicht. Gleichzeitig warnt SolarPower Europe: Das 750-Gigawatt-Ziel für 2030 ist erstmals in Gefahr - zwei weitere Jahre mit rückläufigem Marktwachstum werden erwartet. Der Grund liegt darin, dass Utility-Scale-Solar zunehmend mit negativen Strompreisen kämpft, Netzanschlüsse europaweit zum Engpass werden und Co-located BESS zum strukturellen Erfordernis wird - ohne dass die Branche den Vergabeprozess dafür gerüstet hat.
Alle Seiten verlieren
Der Vergabeprozess für EPC- und Nachunternehmerverträge ist strukturell kaputt - auf beiden Seiten.
Auftraggeber haben keinen verlässlichen Zugang zu qualifizierten Ausführungspartnern jenseits des eigenen Netzwerks. Wer neu in einem Markt ist oder schnell skalieren will, ist auf Empfehlungen angewiesen. Qualifikationen lassen sich kaum prüfen, Projekthistorien sind nicht dokumentiert, Scope-Definitionen variieren von Projekt zu Projekt. Der Zuschlag folgt dem günstigsten Preis - nicht weil Auftraggebern Qualität egal ist, sondern weil das System keine andere Entscheidungsgrundlage bietet. Der aktuelle Marktumschwung sorgt dafür, dass sich die Karten in vielerlei Hinsicht neu mischen.
Nachunternehmer stecken auf der anderen Seite in derselben Falle. Compliance-Hürden verhindern die direkte Zusammenarbeit mit den großen Utilities. Wer mit einem EPC noch nicht gearbeitet hat, existiert für ihn schlicht nicht. Qualifizierte Betriebe mit echter Erfahrung in AC-Verkabelung, Rammarbeiten oder BESS-Inbetriebnahme kalkulieren Angebote, investieren Zeit, stellen Kapazitäten bereit - und bekommen den Auftrag trotzdem nicht, weil jemand im Netzwerk des Einkäufers günstiger ist. Im letzten Jahr habe ich ein Dutzend Projekte begleitet. Das Muster wiederholt sich: Kompetenz ist unsichtbar.
Die Konsequenzen tragen alle Beteiligten. Auftraggeber verlieren Ertrag. EPCs verlieren Reputation. Nachunternehmer verlieren Geld.
Bei Ausschreibungen für Projekte über 750 kilowatt sind die Zuschlagswerte inzwischen unter 5 Cent pro Kilowattstunde gesunken. In diesem Marktumfeld gibt es keine Puffer mehr für Nacharbeit, Streit über Verantwortlichkeiten oder verpasste Inbetriebnahmen. Preisgetriebene Vergabe ohne Qualitätskriterien ist kein Optimierungsansatz. Es ist ein unkalkulierbares Risiko - das beide Seiten bezahlen.
Und dann kam auch noch BESS dazu
Batteriespeicher sind nicht mehr die Zukunft der Energiewende. Sie sind die Gegenwart. Das Fraunhofer ISE schätzt den nationalen Speicherbedarf bis 2030 auf 100 bis 170 Gigawattstunden. Der Hochlauf ist unbestritten. Was nicht Schritt hält, ist die Vergabereife - und bei BESS klafft diese Lücke deutlich weiter als bei Solar.
Ein Batteriespeicher besteht aus mehreren Systemen, die von verschiedenen Herstellern kommen und miteinander kommunizieren müssen. Wer verantwortet das Zusammenspiel? Wer stellt sicher, dass die Anlage beim ersten Einschaltversuch tatsächlich läuft? In den meisten Ausschreibungen, die heute im Markt kursieren, bleibt genau das offen. Bei PV bedeutet ein ungeklärter Verantwortungsbereich Nacharbeit und Kosten. Bei BESS bedeutet er, dass die Anlage nicht in Betrieb geht. Fertiggebaute Projekte stehen still - nicht wegen technischer Mängel, sondern weil niemand im Vorfeld definiert hat, wer die Inbetriebnahme verantwortet.
Dazu kommt: Die regulatorischen Rahmenbedingungen für Batteriespeicher sind noch nicht abgeschlossen. Die geltenden Technischen Anschlussregeln werden derzeit überarbeitet, parallel gelten Übergangsanforderungen der Netzbetreiber. Wer heute ein BESS-Projekt vergibt, tut das in einem unfertigen Umfeld - ohne verbindliche Standards, ohne vergleichbare Qualifikationsnachweise, ohne strukturierte Projekthistorie.
Aus Sicht der Dienstleister ist das BESS-Geschäft ohnehin riskant - und zwar oft aus Gründen, die sie selbst nicht beeinflussen können. Die Pipeline zeigt weit mehr Projekte als der Markt tatsächlich baut. Hinter dieser Lücke stecken Dutzende Vorhaben, für die Angebote eingeholt, Leistungsverzeichnisse bearbeitet und Kapazitäten reserviert wurden - und die trotzdem nie gebaut werden. Nicht wegen mangelnder Kompetenz, sondern wegen fehlender Netzanschlüsse, geplatzter Finanzierungen oder Investitionsentscheidungen, die in letzter Minute kippen. Der Markt bläht sich auf.
Was jetzt gebraucht wird
Der Vergabeprozess braucht Infrastruktur: verifizierte Subunternehmer-Profile, dokumentierte Projekthistorien, standardisierte Scope-Definitionen, für PV genauso wie für BESS. Wer ein Co-located-Projekt ausschreibt, muss prüfen können, ob ein Bieter ein vergleichbares Projekt schon einmal vollständig durch Bau, Inbetriebnahme und Abnahme geführt hat. Wer als Subunternehmer in Zertifizierung investiert, muss das strukturiert kommunizieren können und wissen, welche Chance eine Auftragsbewerbung tatsächlich hat. Solange beides fehlt, entscheidet der Preis. Die Konsequenzen zeigen sich, wie immer, Monate nach COD.
Über den Autor:
Tom Lothar Fischer ist Gründer von Orbid, einer öffentlichen PV- und BESS-Ausschreibungsplattform, die europaweit qualifizierte Dienstleister mit realen Projekten zusammenführt.
Kontaktdaten:
Tom Lothar Fischer
tlf@orbid.one
Weblink: www.orbid.one
















