Warum die Energiewende mehr Hände braucht

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28.11.2025 Aus der Redaktion
Kristina  Pfeil Kristina Pfeil Journalistin
Warum die Energiewende mehr Hände braucht

Bis 2045 will Deutschland netto-treibhausgasneutral sein, nach 2050 sogar negative Emissionen erreichen. Ein richtiges, angesichts des Fachkräftemangels aber ambitioniertes Ziel. Denn ohne Photovoltaik, Wärmepumpen und Ladeinfrastruktur keine Energiewende. Und ohne Installateur:innen niemand, der diese Systeme plant, montiert und wartet. Was ist zu tun?

Die Zahlen sprechen für sich: Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) fehlen in Deutschland über 250.000 Handwerkerinnen und Handwerker, davon mehrere zehntausend in der Energie- und Gebäudetechnik. Bis 2030 könnte sich diese Lücke verdoppeln. Die Folgen: monatelange Lieferzeiten, überlastete Betriebe, frustrierte Kundschaft.

Das Paradox ist offensichtlich: Noch nie war das Handwerk so gefragt. Und noch nie war es so schwer, Nachwuchs zu gewinnen. Der demografische Wandel spielt eine zentrale Rolle: Die Babyboomer-Generation geht in Rente, während zu wenige junge Menschen nachrücken. Hinzu kommt, dass sich viele Schulabgänger für ein Studium entscheiden. Das Handwerk gilt als zweite Wahl: „Es fehlt nicht nur an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern, sondern auch an gesellschaftlicher Wertschätzung für die handwerkliche Arbeit. Junge Menschen müssen wieder die Chancen und Möglichkeiten erkennen, die das Handwerk bietet“, betonte Georg Stoffels, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Aachen. Anlass war eine Studie der HWK, an der sich Ende 2024 rund 750 Betriebe beteiligten: Nur zehn Prozent hatten in den vergangenen zwei Jahren keine Rekrutierungsprobleme. Bei einem Viertel hingegen konnten offene Stellen erst nach längerer Suche besetzt werden, mehr als 31 Prozent fanden gar keine geeigneten Fachkräfte. Kein Einzelfall, sondern die Regel.

Imagekampagne für die Ausbildung

Vor allem die Jugend gilt es, ins Boot zu holen. Die sieben NRW-Handwerkskammern und der Westdeutsche Handwerkskammertag starteten daher im März 2025 eine Nachhaltigkeitskampagne. Sie soll zeigen, dass eine Ausbildung im Handwerk aktiv zu Klimaschutz und Ressourcenschonung beiträgt. „Junge Menschen werden im Handwerk zur Bewältigung der Herausforderungen der Zukunft dringend gebraucht. Eine Tätigkeit im Handwerk bietet große Chancen, eine nachhaltige Zukunft aktiv mitzugestalten", betonte Hans Peter Wollseifer, Präsident der Handwerkskammer zu Köln.

Flexible Qualifizierungsangebote auch für den Quereinstieg

Doch Kampagnen allein lösen den Engpass nicht. Viele Installations-, Solar- und SHK-Betriebe setzen inzwischen auf eigene Trainingszentren, Quereinsteigerprogramme oder Kooperationen mit Berufsschulen. Auch Branchenverbände sind aktiv. Ein Beispiel ist der Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) mit seinem Projekt „ZukunftSHandwerK”. Entwickelt werden praxisorientierte Weiterbildungen und modulare Qualifizierungsangebote, um den wachsenden Fachkräftebedarf im SHK-Handwerk zu decken, insbesondere im Zusammenhang der Energiewende und erneuerbarer Energien. 

Andere Betriebe setzen auf internationales Recruiting. Vor allem Fachkräfte aus Süd- und Osteuropa, aber zunehmend auch aus Drittstaaten, werden gezielt angeworben. Viele Betriebe übernehmen dabei die Visa-Prozesse, Sprachkurse und Qualifikationsanerkennung. 

Entlastung bringt zudem die Digitalisierung: Standardisierte Planungsprozesse, digitale Dachvermessung, KI-gestützte Auslegungstools oder vorkonfigurierte Wärmepumpenmodule beschleunigen Installationszeiten und reduzieren den Druck auf die Betriebe. Doch das allein reicht nicht, um den Fachkräftemangel zu kompensieren. Ohne eine Aufwertung des Handwerks, gesellschaftlich, politisch und finanziell, wird die Energiewende nicht gelingen. Wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen will, braucht es vor allem Menschen, die sie umsetzen. Genau diese Menschen müssen jetzt gewonnen, ausgebildet und gehalten werden.