Beschleunigter Ausbau der Erneuerbaren spart 70 Milliarden Euro bei der Energiewende

Zurück
21.09.2026 Hauptartikel
Sven Ullrich
Beschleunigter Ausbau der Erneuerbaren spart 70 Milliarden Euro bei der Energiewende

Ein aktuelles Gutachten zeigt, dass die Energiewende mittelfristig nur mit dem schnellen Ausbau von Solar- und Windkraftwerken kosteneffizient sein kann. Die Idee der Bundesregierung, mit fossilen Energien die Kosten zu dämpfen, erweist sich als Irrweg.

Wenn die Bundesregierung den Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigt, statt ihn – wie derzeit geplant – auszubremsen, würde die Energiewende bis 2045 satte 70 Milliarden Euro weniger kosten. Das ist das Ergebnis eines Gutachtens des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln (EWI) im Auftrag des Landesverbandes Erneuerbare Energien NRW (LEE NRW).

Fossile Kraftwerke werden langfristig teuer

In seinem Gutachten vergleicht das EWI drei Pfade, wie sich der Umbau hin zu einem klimaneutralen Stromsystem bis 2045 entwickelt. In einem kostenoptimierten Szenario spielt der schnelle Ausbau von solaren Freiflächenanlagen und Windenergieanlagen an Land eine zentrale Rolle. Gleichzeitig werden Erzeugung und Netzinfrastruktur besser aufeinander abgestimmt. Zudem spielt die Nutzung von dezentralen Flexibilitäten eine große Rolle. Wird der Ausbau der erneuerbaren Energien hingegen ausgebremst, könnten sich kurzfristig zwar Einsparungen ergeben. Mittel- und langfristig wird diese Option aber teurer, da dann die Kosten für Strom- und Wasserstoffimporte steigen.

Damit wird deutlich, dass die Ergebnisse der Analyse in deutlichem Kontrast zum Weg der Bundesregierung stehen. Die derzeitigen Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums, die Erneuerbaren mittels Restriktionen auszubremsen und stattdessen stärker auf fossile Energien zu setzen, werden die volkswirtschaftlichen Kosten für das Stromsystem schon im kommenden Jahrzehnt in die Höhe treiben. Bis 2045 würden sich diese Mehrkosten auf 70 Milliarden Euro summieren. Danach würde die Kostendifferenz zum kostenoptimalen Szenario jedes weitere Jahr rund zwölf Milliarden Euro betragen.

Das Gesamtsystem betrachten

Christian Vossler, Geschäftsführer des LEE NRW, kritisiert primär die kurzfristige Denkweise im Bundeswirtschaftsministerium. „Die entscheidende Frage ist nicht, wie wir kurzfristig Kostenpositionen minimieren, sondern vielmehr, wie wir auf längere Sicht die steigende Stromproduktion aus erneuerbaren Energien mit möglichst geringen Gesamtsystemkosten erzeugen und nutzen. Dafür müssen Erzeugung, Netze, Speicher und Flexibilitäten optimal zusammenspielen“, fasst er die Ergebnisse der Studie zusammen.

Hans-Josef Vogel, Vorstandsvorsitzender des LEE NRW, warnt davor, die anfallenden Kosten für fossile Energieträger und Kraftwerke zu vernachlässigen und sich stattdessen nur auf die Redispatchkosten, also die Vergütung von aufgrund von Netzengpässen abgeregeltem Strom, zu konzentrieren. „Die EWI-Ergebnisse zeigen: Wer nur einzelne Kostenpositionen betrachtet, läuft Gefahr, das Gesamtsystem teurer zu machen“, sagt er. „Entscheidend sind nicht einzelne Gigawattzahlen oder Abregelungsmengen, sondern die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten des neuen Stromsystems. Mehr Erdgas und perspektivisch importierter Wasserstoff sind keine Strategie zur dauerhaften Kostensenkung. Ein solches System verlagert Kosten von Investitionen hin zu Brennstoffen und Importen. Damit steigen zugleich die Abhängigkeit Deutschlands von internationalen Märkten und die langfristigen Kosten für Wirtschaft und Verbraucher.“

Tipps für die Energiewende

Tatsächlich geben die Autoren der Studie einige Handlungsempfehlungen. So sollte der Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigt, aber zugleich mit Blick auf die Stromnetze gesteuert werden. Dabei schlagen sie aber keine Strafen für den Anschluss der Anlagen in Regionen mit Netzengpässen vor, wie es die Bundesregierung vorhat. Stattdessen sollten Anreize geschaffen werden, um die räumliche Verteilung zu verbessern. Zudem sollte der Verbrauch des erzeugten Stroms vor Ort stärker angereizt werden, um die Abregelungsmengen zu reduzieren. Wichtig sei aber auch die Überbauung des Netzanschlusses, vor allem für Anlagen, die nicht systemdienlich gefahren werden.

Bestehende Probleme nicht verschieben

Auch der LEE NRW sieht in der räumlichen Steuerung des Ausbaus eine Chance. Doch er kritisiert, dass die derzeitigen Pläne der Bundesregierung die wirtschaftlichen Risiken eines seit Jahren verschleppten Netzausbaus den Betreibern der Ökostromanlagen aufbürden. Genau dieser verschleppte Netzausbau hat zu den Redispatchkosten geführt, die derzeit anfallen. „Genau hier fehlen im Netzpaket konsequente Regelungen: wirksame Anreize für einen schnelleren Netzausbau, bessere Auslastung der bestehenden Netze und mehr Transparenz, genauso wie Sanktionen für einen verschleppten Netzausbau“, lautet die Kritik des Verbandes. „Das ist ein Bärendienst für die Energiewende. Die bestehenden Probleme werden lediglich verschoben und nicht gelöst. Die Verantwortung für ein kosteneffizientes Stromsystem müssen Netzbetreiber und Betreiber der erneuerbaren Energien gemeinsam verbindlich wahrnehmen“, fordert Christian Vossler.

Die gesamte Studie „Kosteneffizienz im Stromsystem“ finden Sie auf der Webseite des LEE NRW.