Strukturwandel durch Elektromobilität: Wird Stuttgart das neue Duisburg?
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Die deutsche Autoindustrie befindet sich einem Strukturwandel. Vielen Managern und Beschäftigten sowie Politikern fällt es schwer, das zu realisieren. Die Diskussion um Verbote für Verbrennungsmotoren und die Einführung Batterie betriebener Elektrofahrzeuge zeigen, dass es keinen gesellschaftlichen Konsens über die Zukunft der Automobilindustrie in Deutschland gibt.
Nachdem der Dieselskandal vergessen ist, wähnen sich viele Manager der Autohersteller wieder in Sicherheit. Sie wollen in Ihren alten Strukturen verharren, die sich doch gerade als nicht tragfähig erwiesen haben. Unterstützt werden sie dabei von Politikern, die sich durch populistische Äußerungen Sympathien der Wähler an den Standorten der Autoindustrie erhoffen.
Mit im Boot sitzen die Gewerkschaften, die sich sowieso schon einem Bedeutungsverlust erwehren müssen und mit den gut organisierten Belegschaften der Autoindustrie eine wichtige Säule ihrer Macht zu verlieren drohen.
Welche Folgen eine falsche Politik hat, den Strukturwandel zu managen, zeigt das Beispiel Ruhrgebiet. In Zeiten des Booms von Kohle und Stahl wurde hier die gesamte Infrastruktur an diesen beiden Industrien ausgerichtet. Das machte nach der Kohlekrise ab 1957 den Strukturwandel besonders schwer. Seinerzeit wurde auch zu lange versucht, diese Strukturen aufrecht zu erhalten. Mit hohen Subventionen wurden die Industriezweige künstlich am Leben gehalten. Die Zahlungen hatten zwischenzeitlich mehr als den Bruttoverdienst der Beschäftigten ausgemacht.
Auch hier gab es eine Allianz von Unternehmen, Gewerkschaften und Politikern aller Parteien.
Mit dem Niedergang der Kohle geriet auch die Stahlherstellung in Schwierigkeiten. Denn trotz der Subventionen waren die Standorte in Deutschland ab den Achtzigerjahren nicht mehr wettbewerbsfähig. Noch heute sehen wir die Auswirkungen: Überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit, hohe Verschuldung von Landes- und Kommunalhaushalten sowie unterdurchnittliches Wirtschaftswachstum. Gleiches gilt übrigens auch für das Saarland, das einen ähnlichen Strukturwandel zu bewältigen hat.
Hier sehe ich die Parallelen: Die Motorentechnik ist eine wichtige Grundlage für den Erfolg der Fahrzeugproduktion im Raum Stuttgart. Wenn jetzt der Verbrennungsmotor als Antriebsaggregat wegfällt und es nicht gelingt, diese Technologien schnellstmöglich zu ersetzen, wird der Siegeszug der Elektromobilität auch die Beschäftigung im Fahrzeugbau bedrohen. Im Unterschied zur Steinkohle im Ruhrgebiet wird es zum Einen keine so massiven Subventionen zur Arbeitsplatzerhaltung geben; schon die Abwrackprämie war seinerzeit sehr umstritten und wird kaum wiederholt werden. Zum Anderen wird der Zeitrahmen für den erforderlichen Strukturwandel nicht 50 Jahre wie im Steinkohlenbergbau betragen. Es ist zu vermuten, dass der herkömmliche Verbrennungsmotor bis 2035 tatsächlich abgelöst wird.
Es werden Batterien bis dahin wahrscheinlich nochmals um bis zu 50 % günstiger werden, bei geringerem Volumen und Gewicht. Gleichzeitig werden immer mehr Solaranlagen tagsüber Strom produzieren, der keinen Abnehmer findet und damit kostengünstig Batterien aufladen kann. So sinken die Anschaffungs- und Betriebskosten für Elektrofahrzeuge immer weiter und lassen sie zu einer wirtschaftlichen Alternative werden. (Mehr Spaß machen sie sowieso) Hinzu kommt, das es Geschäftsmodelle geben wird, die Einnahmen aus dem Betrieb eines Elektrofahrzeugs ermöglichen. Zum Beispiel der Verkauf von Strom zu Spitzenzeiten oder gar die Teilnahme am Regelenergiemarkt. Welches Fahrzeug mit Verbrennungsmotor kann das schon bieten?
Im Raum Stuttgart sind derzeit circa 200.000 Arbeitnehmer im Automobilsektor beschäftigt, davon etwa die Hälfte in der Produktion von Fahrzeugen, der Rest bei Zulieferern. Direkt im Bereich Antriebstechnik dürften ungefähr 60.000 Beschäftigte arbeiten. Die Abhängigkeit von der Automobilindustrie ist im Raum Stuttgart damit noch größer als die von Kohle und Stahl im Ruhrgebiet in den Siebzigerjahren. Es zeigt sich also, dass für die Region Stuttgart im Trend zur Elektromobilität große Risiken bestehen. Umso wichtiger ist es, dass Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik schnell und tiefgreifend handeln, um den Strukturwandel erfolgreich zu bestehen.















