Von Net-Metering zu smarter Steuerung: Retrofit-Markt für PV in den Niederlanden boomt

Zurück
17.04.2026 Hauptartikel
Sebastian Wittag Sebastian Wittag Journalist
Von Net-Metering zu smarter Steuerung: Retrofit-Markt für PV in den Niederlanden boomt

Die Niederlande gelten seit Jahren als einer der am weitesten entwickelten Solarmärkte Europas. Allein 2024 stieg die installierte PV-Leistung auf 24 GW, die Solarstromproduktion erreichte 22 Milliarden kWh. Gleichzeitig läuft mit der niederländischen Salderingsregeling zum 1. Januar 2027 jenes Net-Metering-Modell aus, das PV für Privathaushalte lange besonders attraktiv gemacht hat. Damit verschiebt sich der wirtschaftliche Fokus: Weg von der reinen Einspeisung, hin zu Eigenverbrauch, Speicherintegration und intelligenter Steuerung. Genau an dieser Schnittstelle boomt aktuell das Nachrüsten bestehender Anlagen mit einem Energy Management System (EMS).

GridX beschreibt die Niederlande bereits als Markt, in dem etwa jeder dritte Haushalt eine PV-Anlage besitzt, 49 Prozent der PV-Besitzer:innen binnen zwei Jahren einen Heimspeicher planen und die Speicherkapazität im Residential-Segment von rund 1,3 GWh im Jahr 2025 auf mehr als 14,6 GWh bis 2030 wachsen könnte. Auch wirtschaftlich wird die Steuerungsebene immer relevanter: Während reine Eigenverbrauchsoptimierung laut gridX bei einem typischen Haushalt rund 125 Euro pro Jahr bringen kann, steigt das Potenzial bei der Kombination aus EMS, dynamischen Tarifen und Flexibilitätsvermarktung auf bis zu 1.750 Euro jährlich.

Über diese Entwicklung spricht Irene Guerra Gil, Energy Market Expert bei gridX. Die Maschinenbauingenieurin mit Spezialisierung auf Energie- und Verfahrenstechnik arbeitet an der Weiterentwicklung von HEMS-Lösungen in Richtung Flexibilität und Markteinbindung. Damit verbindet sie technische Systemperspektive mit energiewirtschaftlichem Marktverständnis – genau jene Kombination, die für den niederländischen Retrofit-Markt zunehmend entscheidend wird.

Warum gewinnt die Nachrüstung bestehender PV-Anlagen mit einem HEMS in den Niederlanden aktuell so stark an Relevanz?

Dank der Net-Metering-Regelung konnten niederländische Haushalte mit einer Photovoltaikanlage ihre Stromkosten zwei Jahrzehnte lang nahezu auf Null senken. Ihren überschüssigen Solarstrom konnten sie zu dem Preis ins Netz einspeisen, zu dem sie ihn auch bezogen haben. Da diese Regelung im Jahr 2027 jedoch auslaufen wird und schon heute Einspeisegebühren bei Überkapazitäten im Netz anfallen können, verliert die reine Stromerzeugung ohne Eigenverbrauchsoptimierung an Attraktivität. Um die Wirtschaftlichkeit einer PV-Anlage langfristig zu sichern, rücken daher Eigenverbrauch, Speicherung sowie die Automatisierung des Energieverbrauchs in den Fokus. Entscheiden sich Haushalte für die Nachrüstung – also das Retrofitting – eines Home Energy Management Systems (HEMS), können sie ihre Energieströme gezielt optimieren und insbesondere in Verbindung mit einem Heimspeicher ihre Stromkosten weiterhin minimal halten.

Welche Effizienzverluste entstehen bei Bestandsanlagen, wenn PV, Speicher, Wärmepumpe und Ladeinfrastruktur nicht intelligent aufeinander abgestimmt sind?

Wenn die Anlagen nicht intelligent aufeinander abgestimmt sind, werden das Elektroauto und der Heimspeicher zu Zeiten aufgeladen, in denen die Strompreise hoch sind oder die Sonne nicht scheint. Fehlendes Timing bei der Einspeisung bedeutet teuren Netzbezug trotz eigener PV-Anlage. Das ist ineffizient und kostspielig.

Welchen Beitrag leistet ein HEMS dazu, den Eigenverbrauch zu erhöhen und die Wirtschaftlichkeit bestehender Anlagen zu verbessern?

Ein HEMS verbessert die Wirtschaftlichkeit der Anlagen, indem es alle dezentralen Energieanlagen eines Haushalts zu einem gemeinsamen, interoperablen System verbindet. Damit lässt sich das Setup von einer rein passiven Erzeugungseinheit in einen aktiven Teilnehmer des Energiemarkts verwandeln und der wirtschaftliche Nutzen der Anlagen deutlich skalieren. Dabei gilt: Je mehr Anlagen das Setup umfasst und je mehr Optimierungsebenen es kombiniert, desto größer die Ersparnis. Dazu eine Beispielrechnung für einen durchschnittlichen Drei-Personen-Haushalt in den Niederlanden: Ausgehend von einer Basisausstattung mit PV-Anlage, Heimspeicher und Eigenverbrauchsoptimierung kann dieser eine jährliche Einsparung von etwa 125 Euro erzielen. Fügt er ein HEMS hinzu und wählt mehrere Optimierungsebenen wie Eigenverbrauchsoptimierung, dynamische Tarife und Flexibilitätsbeteiligung, kann er seine jährliche Ersparnis auf bis zu etwa 1.700 Euro erhöhen.

Wie wichtig ist Interoperabilität für die erfolgreiche Nachrüstung von Bestandsanlagen mit Komponenten unterschiedlicher Hersteller?

Die Interoperabilität der jeweiligen Anlagen eines Setups ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Nachrüstung, weil moderne Setups meist aus unterschiedlichen Anlagentypen verschiedener Hersteller bestehen. Ein HEMS kann dabei als Übersetzer fungieren, da es unterschiedliche Kommunikationsprotokolle überbrückt und Geräteunabhängigkeit sicherstellt. Indem es über eine einzige Schnittstelle zum Beispiel die PV-Anlage und ein Elektroauto steuert, reduziert es die Komplexität sowohl für Installationsbetriebe als auch für Haushalte. Diese können so aktiv auf Marktsignale reagieren, ihre Stromkosten senken und die Zukunftsfähigkeit ihrer Anlagen sichern.

Wie verändert der wachsende Nachrüstmarkt die Rolle von Installationsbetrieben im niederländischen Energiemarkt?

Mit der zunehmenden Beliebtheit von Retrofitting verändert sich die Rolle des niederländischen Installationsbetriebs vom reinen Hardware-Monteur zum langfristigen Partner für ganzheitliche Energiesysteme. Durch Retrofitting können Betriebe bestehende Kundenbeziehungen reaktivieren und den Umsatz pro Kunde steigern. Da der wirtschaftliche Wert eines Anlagen-Setups zunehmend von seiner intelligenten Steuerung abhängt, wird die Vernetzung der Anlagen zur Kernaufgabe. Ein HEMS fungiert dabei als technisches Fundament, das unterschiedliche Herstellerprotokolle vereinheitlicht und die Komplexität reduziert. Letztlich entstehen so neue digitale Geschäftszweige wie Fernwartung oder Flexibilitätsmanagement, die den Mehrwert eines Setups erhöhen, ohne den physischen Installationsaufwand gleichermaßen zu steigern.

Welche Entwicklung erwarten Sie in den kommenden Jahren für HEMS-Nachrüstung, Speicher und intelligente Steuerung in den Niederlanden?

Wie im jüngst veröffentlichten Retrofitting-Report von gridX beschrieben, dürfte sich die niederländische Energielandschaft in den kommenden Jahren von einer Struktur isolierter Einzelanlagen hin zu vernetzten Setups entwickeln, in denen Heimspeicher und Elektroautos das Stromnetz aktiv stützen. Dabei wird sich der Schwerpunkt voraussichtlich von der reinen Installation physischer Hardware hin zur kontinuierlichen digitalen Steuerung, Optimierung und Flexibilisierung verschieben. Entsprechend dürfte auch der Bedarf an intelligenter Software weiter zunehmen.
 

Irene G. G., Energy Market Expert © gridX GmbH