Energiewende in NRW: Chancen und Herausforderungen beim Ausbau erneuerbarer Energien
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In Nordrhein-Westfalen (NRW) hat der Ausbau erneuerbarer Energien in den letzten Jahren deutlich an Fahrt aufgenommen. Ende 2023 betrug die installierte Leistung der erneuerbaren Energien in NRW rund 19,7 Gigawatt, wobei besonders Wind- und Solarenergie positive Zuwächse verzeichnen konnten. Im Jahr 2023 wurden etwa 2,8 Gigawatt neuer Kapazitäten installiert. Trotz dieser Fortschritte bleiben Herausforderungen wie die Netzanschlüsse, Speicherlösungen und die regionale Infrastruktur bestehen. Im Gespräch mit Jakob Schmid, Referent für Erneuerbare Energien beim Landesverband Erneuerbare Energien, werfen wir einen genaueren Blick auf den aktuellen Status, die Potenziale und die wirtschaftlichen Chancen der Energiewende in NRW.
Wie steht es aktuell um den Ausbau erneuerbarer Energien in NRW – und welche Rolle spielt das Land im bundesweiten Vergleich?
Der Ausbau der Erneuerbaren Energien in NRW schreitet voran, muss jedoch differenziert betrachtet werden. Wind- und Solarenergie zulegen, bei Wasserkraft, Bioenergie und Geothermie herrscht Stagnation. Bei der Windenergie hat die Landesregierung Genehmigungszeiten verkürzt und Flächen frühzeitig über die Regionalplanung ausgewiesen, sodass der weitere Ausbau gesichert erscheint. Bis Ende Oktober 2025 wurden rund 1 Gigawatt Windleistung installiert, etwa ein Viertel des bundesweiten Zubaus. In der Solarenergie hat der Ukrainekrieg zu einem massiven Zubau geführt, 2023 wurde ein Rekordwert von über 2,2 Gigawatt erreicht, 2024 wird der Zuwachs jedoch um rund 20 Prozent sinken.
Was sind derzeit die größten Hürden für den weiteren Ausbau – politisch, planerisch und gesellschaftlich?
Projektierer bekommen aktuell oft keinen Netzanschluss zugesichert, Anträge werden spät beantwortet, teils erst nach anwaltlichem Einschreiten. Speicherprojekte werden oft pauschal abgelehnt. Auch wenn Netzbetreiber privatwirtschaftlich agieren, wären Verpflichtungen oder Auflagen seitens des Landes oder Bundes wünschenswert. Politisch gibt es viel guten Willen: Die Energie- und Wärmestrategie hat erstmals klare Zielkorridore für die Energieträger definiert. Gesellschaftlich ist die Unterstützung hoch, über 80 Prozent befürworten die Energiewende, auch wenn es reale Herausforderungen bei der Transformation des Energiesystems gibt.
Welche erneuerbaren Technologien treiben die Energiewende in NRW aktuell am stärksten voran – und wo liegen ungenutzte Potenziale?
Trotz positiver Entwicklungen stammen in NRW unter 30 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren, Kohle und Gas dominieren weiterhin. Für eine Veränderung sind alle verfügbaren Energieträger notwendig: Flexible Leistung durch Bioenergie, dezentrale Erzeugung durch Wasserkraft und die Mehrheit der Erzeugung über Wind und PV. Der Ausbau der Photovoltaik muss sich stärker auf Freiflächen konzentrieren, um den aktuellen Zubau zu verstetigen. Auch versiegelte Flächen bleiben wichtig. Der Ausbau allein reicht jedoch nicht: Netze müssen im gleichen Tempo modernisiert werden, Speicher müssen die Einspeisung und Erzeugung entkoppeln, und regionaler Wasserstoff wird zentral für das System.
Inwiefern bietet die Energiewende für NRW als Industriestandort wirtschaftliche Chancen – etwa bei Innovation, Beschäftigung oder Wertschöpfung?
NRW ist ein energiehungriges Bundesland mit dem Ziel, die „erste klimaneutrale Industrieregion Europas“ zu werden. Dafür braucht es den Ausbau regionaler Stromerzeugung und die Umstellung industrieller Prozesse. Mit Innovation, Unternehmertum und enger Kooperation der relevanten Akteure kann eine enorme Strahlkraft und hohe Wertschöpfung vor Ort entstehen.
Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit die Landesziele wirklich erreicht werden können?
Es braucht anhaltendes Engagement, der Ausbau muss über die nächsten 20 Jahre hochgehalten werden. Parallel müssen Netze, Speicher und Wasserstoffinfrastruktur ausgebaut werden, um eine gesicherte Energieversorgung auf Basis der Erneuerbaren zu gewährleisten.
Wenn Sie fünf Jahre nach vorn blicken – wie könnte der Energiemarkt in NRW dann aussehen?
Im Idealfall hat NRW einen Grünstromanteil von über 50 Prozent, der günstige Strompreise für Industrie und Privathaushalte ermöglicht, auch durch Direktbelieferungen in der Industrie. Angebot und Nachfrage sind stärker flexibilisiert und abgestimmt. Neben einem starken Zuwachs an Batteriespeichern wird regionaler Wasserstoff produziert. Die Netze werden effizienter genutzt, aber weiter verstärkt und ausgebaut. NRW ist auf dem Weg zur energetischen Vorzeigeregion.

Über den Autor
Jakob Schmid, geboren in Ludwigsburg und seit neun Jahren in Köln wohnhaft, hat einen Bachelor in „Erneuerbare Energien“ sowie einen Master in „Renewable Energy Management“ absolviert. Seit zwei Jahren ist er Referent für Erneuerbare Energien beim Landesverband Erneuerbare Energien, mit den Schwerpunkten Wasserkraft und Photovoltaik. Zuvor war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TH Köln im Bereich Klimawandelanpassung tätig.

















