Krieg im Nahen Osten: Warum Deutschlands Energiepreise wieder zum Risiko werden

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09.04.2026 Hauptartikel
Sebastian Wittag Sebastian Wittag Journalist
Krieg im Nahen Osten: Warum Deutschlands Energiepreise wieder zum Risiko werden

Für Deutschland ist der Krieg im Nahen Osten vor allem eines: ein Preisschock mit globaler Reichweite. Das Land ist heute zwar deutlich breiter bei der Energieversorgung aufgestellt als noch 2022, doch der deutsche Markt reagiert weiterhin empfindlich, sobald zentrale Handelsrouten im Nahen Osten unter Druck geraten. Der Grund ist schlicht: Öl, LNG und in der Folge auch Gas- und Strompreise werden international gebildet. Wenn sich die Lage rund um die Straße von Hormus zuspitzt, steigen die Risikoaufschläge an den Energiemärkten meist schnell — und das bleibt auch in Europa nicht ohne Folgen.

Die Straße von Hormus gehört zu den wichtigsten Nadelöhren des Weltenergiemarkts. Ein erheblicher Teil des global gehandelten Öls und ein ebenfalls bedeutsamer Teil des LNG-Traffics passieren diese Meerenge. Schon die Aussicht auf eine Eskalation reicht in der Regel aus, um Händler nervös zu machen und Preise nach oben zu treiben. Für Deutschland bedeutet das: Auch wenn die Versorgung physisch gesichert bleibt, verschlechtern sich kurzfristig die Kostenbedingungen für Unternehmen, Verbraucher und Energieversorger.

Kein Versorgungsengpass, aber ein Preisproblem

In Deutschland zeigt sich diese Entwicklung inzwischen auch an den Handelsplätzen. Der Unterschied zur Energiekrise 2022 ist dabei wesentlich: Damals ging es um akute Versorgungssicherheit, heute vor allem um Preisniveau und Volatilität. Die Gasflüsse nach Deutschland laufen weiter, LNG-Anlandungen bleiben hoch, und die Versorgung ist nicht von derselben Knappheit geprägt wie in der Hochphase der Gasnotlage. Dennoch kann geopolitische Unsicherheit die Preise rasch verteuern.

Gerade am Gasmarkt ist dieser Mechanismus besonders sensibel. Wenn sich geopolitische Risiken erhöhen, steigen nicht nur die kurzfristigen Notierungen, sondern oft auch die Absicherungskosten für Lieferungen und künftige Beschaffungen. Das betrifft Stadtwerke ebenso wie industrielle Großverbraucher. Für Unternehmen mit hohem Energiebedarf ist bereits ein moderater Preissprung spürbar, weil er sich direkt auf Produktionskosten, Margen und Investitionsentscheidungen auswirkt.

Auch der Strommarkt ist davon nicht entkoppelt. Zwar bildet sich der Strompreis in Europa zunehmend stärker durch erneuerbare Energien, Netze und Flexibilitätsoptionen, doch Gas bleibt in vielen Ländern ein wichtiger Preisanker. Steigt der Gaspreis, wirkt das deshalb oft indirekt auch auf den Strompreis durch — insbesondere in Zeiten mit geringerer Wind- und Solarerzeugung.

Der Preisdruck reicht bis zur Zapfsäule

Wie schnell geopolitische Spannungen in den Alltag durchschlagen, zeigt der Blick auf die Kraftstoffpreise. Höhere Ölpreise treffen Verbraucher in Europa zunächst an der Tankstelle, später oft auch bei Transport- und Warenkosten. Gerade in einer exportorientierten Volkswirtschaft wie Deutschland ist das relevant, weil sich höhere Energie- und Transportpreise entlang vieler Stufen der Wertschöpfungskette fortsetzen.

Für private Haushalte ist das unmittelbar sichtbar. Für Pendler, Handwerksbetriebe, Logistikunternehmen und den Mittelstand kommt der Anstieg meist gleich mehrfach an: über Kraftstoffkosten, über Lieferketten und über teurere Vorprodukte. Auch wenn die Preise nicht jeden Tag sprunghaft steigen, erzeugt bereits ein längerer Zeitraum erhöhter Unsicherheit eine spürbare Belastung.

Der Effekt ist ökonomisch besonders problematisch, weil er kaum isoliert bleibt. Höhere Spritpreise wirken nicht nur auf einzelne Verbraucher, sondern auf die gesamte Preisstruktur. Transport verteuert sich, Handelsketten kalkulieren neu, Dienstleister geben Kosten weiter. Damit steigt das Risiko, dass geopolitische Spannungen wieder stärker in die allgemeine Teuerung hineinwirken.

Verbände warnen vor einem neuen Kostenschub

Die Wirtschaftsverbände haben sich entsprechend deutlich positioniert. Der DIHK verweist darauf, dass die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts für Unternehmen noch nicht abschließend absehbar seien, die Risiken aber klar zunehmen. Der Verband der Chemischen Industrie warnt ebenfalls vor den Folgen steigender Energiepreise, insbesondere für energieintensive Branchen. Dort wirken höhere Preise nicht erst am Ende der Kette, sondern direkt auf Herstellung, Wettbewerbsfähigkeit und Standortentscheidungen.

Gerade die chemische Industrie, aber auch Metallverarbeitung, Papier, Glas, Baustoffe und Teile der Nahrungsmittelindustrie reagieren besonders empfindlich auf einen anhaltenden Kostenanstieg bei Strom, Gas und Vorprodukten. Diese Unternehmen können Preissteigerungen nicht immer sofort an ihre Kunden weiterreichen. Wenn die geopolitische Lage länger angespannt bleibt, erhöht das den Druck auf Margen und Investitionen.

Hinzu kommt: Unsicherheit ist selbst bereits ein wirtschaftlicher Faktor. Unternehmen schieben Beschaffungen auf, kalkulieren vorsichtiger und reagieren zurückhaltender bei langfristigen Investitionen. Das bremst nicht nur einzelne Branchen, sondern kann sich auch auf die allgemeine Konjunktur auswirken.

Inflation bleibt verwundbar

Makroökonomisch kommt der Konflikt zu einem heiklen Zeitpunkt. Die Inflation in Deutschland ist zwar deutlich niedriger als in der Energiekrise der Jahre 2022 und 2023, bleibt aber anfällig für neue Schocks. Energie gehört weiterhin zu den wichtigsten Übertragungskanälen geopolitischer Risiken in die Verbraucherpreise. Steigen Öl- und Gaspreise, wirkt das zeitverzögert auf Transport, Heizung, Strom und zahlreiche Vorprodukte.

Das ist auch geldpolitisch relevant. Eine höhere oder wieder anziehende Inflation verengt den Spielraum der Notenbanken. Denn je stärker die Teuerung durch externe Energiepreise getrieben wird, desto schwieriger wird es, die Preisentwicklung insgesamt zu stabilisieren. Für Verbraucher bedeutet das: Die Entlastung der vergangenen Monate kann sich wieder schneller als erwartet abschwächen.

Für die deutsche Wirtschaft ist das besonders wichtig, weil sie ohnehin unter schwächerem Wachstum, hoher Kostenbelastung und internationalem Wettbewerbsdruck steht. Ein neuer fossiler Kostenschub würde diese Lage nicht grundlegend verändern, sie aber verschärfen.

Die Nachfrage nach Solar könnte wieder anziehen

Die geopolitische Eskalation wirkt inzwischen auch auf Investitionsentscheidungen im Gebäudebereich. Nach Angaben von pv magazine berichtet E.ON von einer Verdopplung der Nachfrage nach Solaranlagen bei privaten Kundinnen und Kunden seit Beginn der militärischen Zuspitzung; auch das Interesse an Wärmepumpen und Wallboxen sei deutlich gestiegen. Ähnliche Signale kommen dem Bericht zufolge von 1KOMMA5° und Enpal. Zugleich mahnen andere Marktteilnehmer zur Vorsicht: Enerix verweist auf saisonale Effekte, die einen Teil des Nachfrageanstiegs erklären könnten. BSW-Solar-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig hält einen temporären Nachfrageimpuls für wahrscheinlich und zieht Parallelen zum Beginn des Ukraine-Kriegs. Der Zusammenhang ist plausibel: Wenn fossile Preise steigen und Versorgungssicherheit wieder zum öffentlichen Thema wird, wächst die Attraktivität von Photovoltaik, Speichern und elektrifizierten Wärmelösungen als Instrumente zur Absicherung gegen künftige Preisschübe. Auch die Strompreise für Neukunden legten laut den im Beitrag zitierten Daten binnen vier Wochen um rund 8,5 Prozent zu.

Genaues Ausmaß noch unbekannt

Wie stark Deutschland betroffen ist, hängt vor allem an der Dauer des Konflikts. Kurzfristige Ausschläge an den Märkten können sich wieder beruhigen, wenn sich die Lage entspannt. Bleibt die Unsicherheit jedoch über Wochen oder Monate bestehen, können sich die Risikoaufschläge verfestigen. Dann geht es nicht mehr nur um einen temporären Preisschub, sondern um eine neue Kostenbasis für Unternehmen und Verbraucher.

In solchen Szenarien werden vor allem zwei Effekte sichtbar: Erstens steigen die direkten Energiepreise. Zweitens nehmen die Absicherungskosten zu, weil Marktteilnehmer verstärkt mit weiteren Schwankungen rechnen. Das trifft importabhängige Volkswirtschaften wie Deutschland besonders stark. Denn selbst wenn die physische Versorgung stabil bleibt, wird Beschaffung teurer.

Ein länger anhaltender Konflikt hätte damit nicht nur Folgen für die Energiekosten, sondern auch für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Höhere Inputpreise belasten Industrie und Handel, schwächeres Vertrauen dämpft Investitionen, und teurere Mobilität trifft Verbraucher unmittelbar. Die Folge wäre ein Mix aus Kostendruck und Unsicherheit, der die wirtschaftliche Dynamik bremsen kann.

Erneuerbare Energien wirken wie ein Puffer

Der Konflikt zeigt zugleich, wie stark erneuerbare Energien inzwischen zur Krisenresilienz beitragen können. Je stärker Stromsysteme von fossilen Importen entkoppelt werden, desto geringer fällt der direkte Durchschlag geopolitischer Krisen auf die Strompreise aus. Besonders deutlich wird das dort, wo Wind- und Solarstrom hohe Anteile am Strommix erreichen.

Großbritannien dient hier als aktuelles Beispiel: Reuters berichtete, dass eine außergewöhnlich starke Windstromerzeugung die Folgen des Gasschocks dort spürbar abgefedert habe. Wenn der Strommix weniger vom Gas abhängt, sinkt die Verwundbarkeit gegenüber Importpreisschocks. Das gilt prinzipiell auch für Deutschland, wo der Ausbau erneuerbarer Energien nicht nur eine klimapolitische, sondern auch eine sicherheitspolitische und industriepolitische Bedeutung hat.

Der Zusammenhang ist dabei klar: Je mehr erneuerbare Energien, Speicher, Netze und Flexibilität im System vorhanden sind, desto kleiner wird der Anteil fossiler Brennstoffe an der Preisbildung. Das schützt zwar nicht vollständig vor globalen Rohstoffschocks, kann deren Wirkung aber deutlich abschwächen.

Ein alter Zusammenhang in neuer Form

Für den deutschen Energiemarkt gilt damit wieder ein alter Mechanismus: Versorgungssicherheit ist nicht nur eine Frage verfügbarer Moleküle und Tonnen, sondern auch der Preisbildung in einem nervösen Weltmarkt. Der Krieg im Nahen Osten hat diese Anfälligkeit erneut offengelegt. Die Lage ist heute robuster als in der akuten Gasnotlage vor vier Jahren, doch Entwarnung wäre verfrüht.

Solange Öl- und LNG-Routen im Nahen Osten unter Druck stehen, bleiben höhere Beschaffungskosten, neue Inflationsimpulse und zusätzliche Belastungen für energieintensive Unternehmen ein reales Risiko für den Standort Deutschland. Die entscheidende Frage ist daher nicht nur, ob genug Energie verfügbar ist, sondern zu welchem Preis sie verfügbar bleibt.